Erste Hilfe Legasthenie

Ein zentrales Anliegen unseres Lernforschungsprojektes „Freie Hofschule Gaisberg“ war von Anfang an, so genannten „Bilddenkern“ ein schulisches Milieu anzubieten, das auf ihre Stärken eingeht und sie vor ihren Schwächen weit gehend verschont. Im Zusammenhang damit wollten wir herausfinden – und haben dazu auch eine Menge herausgefunden – wie Bilddenker eigentlich lernen und was sie zum Lernen brauchen.

 Alle Kinder, die zu uns kamen, hatten mehr oder minder schwierige schulische Erfahrungen – um nicht zu sagen Traumatisierungen – erfahren. Daraus entstand bei uns der Impuls, Hilfestellungen anzubieten, wie diese besondere Begabung möglichst früh erkannt werden kann und Eltern wie Kinder besser damit umgehen lernen können. Daraus entstand diese Rubrik „erste Hilfe für Legastheniker“.

 Bei diesen Kindern konnten – mussten aber nicht – viele Phänomene auftreten wie zum Beispiel Leserechtschreibschwächen, Legasthenie, Dyskalkulie, AD(H)S, Schulverweigerung und anderes mehr.
Erst im Laufe der Zeit wird in der Arbeit mit den Kindern deutlich, wo die eigentlichen Ursachen für diese Phänomene liegen. Bei den Kindern, die länger an unserer Hofschule waren, lag diesen Phänomenen meistens das „Bilddenken“ zu Grunde.

 

Bilddenker

Was bedeutet das nun: Bilddenken?

Der Begriff Bilddenker stammt ursprünglich von Ron Davis, einem amerikanischen Legasthenietherapeuten, der eine spezielle Methode zur Verhandlung der Dyslexia entwickelt hat – die sog. Davis-Methode. (Siehe Literaturliste) unserer Erfahrung nach verfügen diese Kinder über speziell ausgeprägte Begabungen, die ihnen aber in unserer schriftgestützten analytischen Welt zur Falle werden. Sie denken nämlich vorwiegend ganzheitlich und in dreidimensionalen Bildern. Sie denken zu dem sehr schnell, haben ein rasches Auffassungsvermögen und denken kreativ (auch um viele Ecken). Gerade ihre Kreativität wird ihnen immer wieder zur Falle, weil sie von anderen gar nichts verstanden wird oder nicht als kindgemäß betrachtet wird. Weil sie sehr sensibel sind, besteht die Gefahr, dass sie sich schon früh in sich zurückziehen, sich verschließen und sich nicht verstanden fühlen. Weil sie intelligent genug sind, können Sie dies gut überspielen, so dass selbst die engste Umgebung das häufig nicht merkt.

Ein spezieller Zweig Gehirnforschung befasst sich mit den so genannten Rechtshirndenkern. Das sind Menschen, die überwiegend mit ihrer rechten Hirnhälfte denken, also dem Teil, der für ganzheitliches Denken, Kreativität, Problemlösung… Zuständig ist. Meist ist damit auch eine über wiegend visuelle Verarbeitung kombiniert. Viele Merkmale der Rechtshirndenker treffen auch auf unsere Bilddenker zu. So liegt der Schluss nahe, dass Bilddenker auch Rechtshirndenker sind. Unten stehend finden Sie unter “Merkmale“ einen Link zu einer Gegenüberstellung von Eigenschaften von Linkshirndenkern und Rechtshirndenkern.

Weiterhin „wissen“ sie (ohne es zu wissen) was ihr Gegenüber denkt und fühlt. Gerade das ist einerseits ihre Stärke, weil sie dadurch sehr sozial sein können, wird Ihnen aber auch zur Falle, weil sie bei Menschen, die ihnen gegenüber eine negative Einstellung haben, zu dieser in Resonanz gehen und sich deshalb gegen sie wehren. So sind die Schullaufbahnen dieser Kinder durch ewige Kämpfe mit bestimmten Lehrern geprägt, die sie nicht mögen. Und meist wird dies als Schuld der Kinder angesehen! Ein Teufelskreis! Falls die Eltern zu dem Kind in antipathische Reaktionen gehen (,weil es ja so viele Schwierigkeiten macht), findet dort Ähnliches statt – nur meist noch dramatischer.

 Unserer Erfahrung nach ist jedes Kind so verschieden, dass nur unter Berücksichtigung der speziellen persönlichen Situation herausgefunden werden kann, was bei dem jeweiligen Kind individuell vorliegt. Im Moment erforschen wir, was davon in gewissem Rahmen generalisierbar sein könnte. Als Hilfestellung finden Sie unter „Merkmale“ eine Liste von Fragen an Eltern, die helfen sollen, herauszufinden, ob es sich um einen Bilddenker handeln könnte.

Merkmale

im Laufe der sechs Jahre unseres Lernforschungsprojektes sind wir auf verschiedene Merkmale aufmerksam geworden, die speziell bei diesen Kindern auftreten. Wir haben sie in einer Liste mit Fragen an die Eltern zusammengestellt, die hier anschließend finden.

 

Fragen an die Eltern: welche der folgenden Merkmale treffen auf Ihr Kind zu?

Für Kinder ab ca. vier Jahren:

o   ist eigentlich ein liebes Kind, bis auf…

o   Hört nicht richtig zu, ist mit den Gedanken woanders

o   gehorcht nicht, folgt Anweisungen nicht

o   Ist sehr sensibel im Wahrnehmen der anderen

o   körperlich sensibel gegen Berührungen, gegen Geräusche

o   hat ein feines Gespür für Stimmungen

o   weiß, was mit den anderen los ist

o   kann man nichts vormachen

o   kann man nichts verbergen

o   kann man nicht anlügen, kann nicht täuschen

o   darf man nicht anschreien

o   lässt sich nicht zwingen

o   kann sich an etwas ganz stark verhaken – innerlich und äußerlich

o   kann sich verkrampfen

o   hat ein großes Harmoniebedürfnis

o   kann sich stark verbinden, ganz in einer Sache versinken

o   ist leicht ablenkbar, sprunghaft in der Aufmerksamkeit

o   wirkt manchmal desorientiert bzw. unorganisiert – aber (wenn orientiert und sicher) auch sehr gut organisiert, vor allen Dingen, wenn es etwas will

o   nimmt ganz viel wahr – auch kleine Details

o   ist sehr interessiert für alles Mögliche

o   schafft sich seine eigene Ideenwelt

o   hat viele Ideen – die auch zu fixen Ideen werden können

o   ist kreativ

o   hat viel Fantasie

o   malt und zeichnet gerne

o   baut und bastelt gerne

o   er findet gerne eigene Konstruktionen

o   baut alles auseinander und will es erforschen

o   liebt es, Probleme zu lösen – auch Rätsel

o   mag komplexe Gedanken und Aufgaben und ist gut darin, scheitert aber oft an einfachen Dingen

o   hat Probleme mit abstrakten Informationen, vor allem mit mehreren hintereinander

o   muss immer in Bewegung sein, kann nicht still sitzen, zappelt, läuft herum

o   muss immer etwas zu tun haben, gerade auch beim zuhören

o   erfasst ganz viel, obwohl es scheinbar nicht zuhört

o   ihm ist immer schnell zu warm

o   ist eigen mit seiner Kleidung

o   hat wenig Zeitgefühl bzw. ein besonderes Verhältnis zur Zeit

o   hat eine sehr gute räumliche Orientierung, kann sich z.B. an einem Weg erinnern, nachdem es ihn einmal gegangen ist

o   hat ein sehr gutes Gedächtnis für bestimmte Dinge vor allem Bilder, aber auch für Menschen

o   liebt es, wenn alles immer gleich bleibt – tut sich schwer mit Veränderungen, die von außen kommen

o   ist verbal sehr gewandt

o   liebt Tiere, kann gut mit Tieren umgehen

o   liebt kleinere Kinder, kann gut mit kleineren Kindern umgehen

o   schließt sich gerne an ältere an

o   kommt in eine Außenseiterrolle in der Gruppe-  oder ist sehr gut integriert

o   wird von anderen gehänselt bzw. ausgegrenzt - oder sehr gut akzeptiert

o   wird zum Anführer

zusätzlich bei Schulkindern:

o   hat Probleme mit den Buchstaben

o   hat deshalb auch Probleme mit dem Lesen

o   hat Probleme mit der Rechtschreibung

o   hat Probleme mit dem Einmaleins und sequenziellem Rechnen

o   krakelige Schrift

o   verkrampft sich beim Schreiben, drückt stark auf

o   schreibt sehr langsam

o   schreibt in Druckbuchstaben

o   liebt gemalt Schriften, Kalligraphie

o   ist stark vom Lehrer abhängig

o   bei negativer Beziehung zum Lehrer ist lernen nicht möglich

später, etwa ab bzw. nach der Pubertät

o   ist Ansprechpartner für Probleme anderer

Sie können Sie sich auch hier als PDF downloaden.

Literatur

im Laufe unserer Arbeit sind wir auf verschiedene Literatur zu diesem Thema gestoßen. Eine Auswahl davon stellen wir Ihnen in den folgenden Menüpunkten zur Verfügung – ausdrücklich nicht als Empfehlung von uns, sondern zur Information, was wir zu diesem Thema gefunden haben.

Für weitere Anregungen über einschlägige Literatur sind wir dankbar. Bitte schicken Sie uns diese per E-Mail an bilddenker(at)hofschule-gaisberg(dot)at

 

Büro: F.-W.-Raiffeisenstrasse 1,5061 Elsbethen, Österreich - Tel.: +43(0)662-6440402
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